Anne Rodler: Zwischen Intimität und Öffentlichkeit / zu Thyra Schmidts
Installation »I can’t just be nowhere« an den Fassaden von Oslo 
[Erschienen in: Thyra Schmidt _ I can’t just be nowhere, extra Verlag 2010.] 

Mit einer Fotografie von Thyra Schmidt verhält es sich wie mit einem unauffälligen 
und doch allerorts vorhandenen Alltagsgegenstand, den jeder kennt: dem Spiegel. 
Schaut man hinein, glaubt man, die Wirklichkeit scheine einem entgegen. Doch wie 
wirklich ist die Wirklichkeit dieser spiegelnden Oberfläche? Und inwieweit hängt sie 
von der Wahrnehmung des Subjekts ab, von dessen Verfassung und Perspektive? 
Der Betrachter überprüft seine Erscheinung stets in einem flüchtigen Augenblick 
und befragt sich selbst – eine Momentaufnahme.

Thyra Schmidt geht in ihrer Fotografie, in der sie kurze, zufällige Momente festhält, 
ähnlich vor. Sie fängt in Schnappschüssen Künstlerkollegen und Freunde unterwegs, 
draußen, in der Stadt, im Park oder auf Reisen ein. Außerdem entstehen fotografische 
und filmische Notizen aus Landschaftsaufnahmen. Typisch für die Künstlerin ist, dass 
sie stets Textfragmente mit diesen szenischen – meist gezoomten – Bildausschnitten 
verbindet. Nicht das charakterisierende Portrait vertrauter Personen hat sie hiermit 
im Blick, sondern ein bestimmtes Beziehungsgefüge, die Stimmung einer zwischen-
menschlichen Situation oder ein menschliches Befinden. Gefühle wie Vertrautheit, 
Gemeinsamkeit, Unsicherheit, Zärtlichkeit, Intimität, Angst, Einsamkeit, Nähe oder 
Distanz, in denen der Betrachter sich wiederfinden kann, werden dargestellt.

Auch das Ausstellungsprojekt, das Thyra Schmidt im Herbst 2009 nach Oslo führte,
thematisierte die Befragung solcher Seelenzustände. Inspiriert durch vorherige Reisen 
nach Norwegen und die Lektüre von Werken des norwegischen Autors Jon Fosse, dem 
der Ausstellungstitel »I can’t just be nowhere« entnommen ist, war die Idee hierzu 
entstanden. Auf Einladung des norwegischen Goethe-Instituts und in Kooperation 
mit dem ROM for Kunst og Arkitektur realisierte die Künstlerin diese Installation, 
die sich über elf Stationen in der Innenstadt von Oslo erstreckte.

Kunst im öffentlichen Raum hat stets den Vorteil, dass sie sich mitten im Leben 
befindet und von einem breiten Publikum wahrgenommen wird. Der Betrachter muss 
nicht erst in Erwägung ziehen, sie sich anzusehen, sondern wird mit ihr unausweichlich 
konfrontiert. Thyra Schmidts Arbeiten sind aufgrund ihrer Monumentalität für die 
Passanten unübersehbar. Großformatige Aufnahmen führen ihnen private Szenen 
überraschend vor Augen und bekommen so auf den Straßen eine gewisse Ambivalenz, 
pendelnd zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Dennoch entziehen sie sich dem 
Voyeurismus, den private Bilder in Medien häufig provozieren. Aufgrund der Anschnitte 
wird eine Person oft nicht in ihrer gesamten Erscheinung gezeigt und so ihre Identität 
geschützt. In vorangegangenen Ausstellungen, wie beispielsweise im Juni 2009 in 
Düsseldorf, präsentierte die Künstlerin Landschaftsbilder neben handschriftlichen 
Textpassagen auf Papier, die sie von verschiedenen Personen schreiben ließ. Auch hier 
zeigten sich Menschen sehr persönlich mittels ihrer Handschrift, ihrer unverwechsel-
baren Ausdrucksweise, ohne dass ihre Identität in Bildern preisgegeben wurde.

»Og eg kan vel ikkje berre vere ingen stad heller«»und ich kann ja auch
nicht nirgends sein« – spricht den unmittelbaren Charakter der Osloer Installation 
im öffentlichen Raum an und verweist auf das Wesentliche in Thyra Schmidts Kunst: 
die Präsenz der menschlichen Figur, der jeweilige Augenblick und der Bezug zum Ort. 
Stets sind die auf Plakate projizierten Fotos und Gedanken auf die Architektur, an der 
sie hängen, bezogen. Verteilt auf die unterschiedlichsten Außenflächen von Wohnhäusern, 
öffentlichen Gebäuden, Geschäften oder einzelnen Mauern sind sie für eine gewisse Zeit 
prägend für die innerstädtischen Viertel von Grønland, in dem sich das Goethe-Institut 
befindet, Sentrum und Grünerlokka. Im Gegensatz zu früheren, ortsbezogenen Projekten 
besetzt Thyra Schmidt keine vorhandenen Werbeflächen auf Straßen und Plätzen, 
sondern wählt freie, ungenutzte Fassaden aus. Und dennoch – obwohl sie formal 
und inhaltlich von Werbeplakaten völlig abweichen – spielen diese Arbeiten auf die 
eindringliche, visuelle Wirkungsmacht großer Straßenreklame an. Vor dem Hintergrund 
einer medialen Lebenswelt untersucht Thyra Schmidt wiederum die Illusionen, die 
Bilder wecken können. Wie authentisch sind die dargestellten Personen und wie wird 
unsere Wahrnehmung durch die Medien gesteuert?

In früheren Arbeiten beschäftigte sich Thyra Schmidt bereits mit Momenten der Illusion. 
Beispielsweise hat sie in ihrer umfangreichen Werkgruppe »Montagen« (2003–2008) 
Fotografien verschiedener Personen durch digitale Bildbearbeitung zu künstlichen Gruppen-
bildern zusammengefügt. Landschaftsbilder aus dem Internet bildeten die Kulissen. Durch 
die zusätzlich in die Arbeiten eingeblendeten Schriftzüge hat sie beziehungsreiche, virtuelle 
Text-Bild-Collagen geschaffen. Die Werke des Osloer Projekts sind dagegen nicht digital 
nachbearbeitet, sondern pur belassen. Sie sind stiller und wirken zurückgezogener. 
Trotz dieser geänderten künstlerischen Technik geht es Thyra Schmidt auch hier um 
die Vorstellung innerer Zustände, um das Wesen der Personen oder der Landschaften 
und nicht um deren detailgenaue, realistische Abbildung – John Constable, der sich bereits 
mit dieser Fragestellung beschäftigte, sprach von der Vorstellung einer Landschaft im 
Gegensatz zu der Vortäuschung ihrer Echtheit. Thyra Schmidt integrierte eine reine 
Landschaftsaufnahme in die Osloer Ausstellung. Die gezeigte norwegische Bucht wirkt 
vor allem durch die grobe Rasterung des Videostills sehr reduziert und so kommt das helle 
schimmernde Licht hierdurch verstärkt zum Ausdruck.

Foto und Text, Bild- und Schriftelemente behandelt Thyra Schmidt stets gleichwertig und 
eigenständig: Die Fotos sind keine Illustrationen der Textfragmente und diese wiederum 
sind keine Beschreibungen der Fotos. »I can’t just be nowhere« zeigt eigene Verse und
Gedanken neben kurzen literarischen Passagen. Im Dialog mit den Bildern lassen sie so 
die Assoziationen frei und unterstreichen den kurzen unbefangenen Moment des Augenblicks. 
Der Betrachter ist in eine Szene ohne Ort und Zeit eingebunden, es ist ihm überlassen, die 
oft poetischen Gedanken weiterzuführen.